Gedanken zur Unausweichlichkeit von KI

Written by

on

Es war letzte Woche; ich redete mit einem Lehrenden an der Uni; irgendetwas zwischen Austausch und Smalltalk. Das Thema von der KI kommt auf, konkret ging es um LLMs bzw. generative KI. Ich frage ihn, eher beiläufig, ob er „die KI“ eher als positive oder negative Entwicklung sieht. Wohl wissend, dass dies eine offene Frage ist – aber seine Antwort interessiert mich. Wie er mir dann aber antwortet, überrascht mich etwas. Er hinterfragt meine Frage indirekt, er macht den Punkt, dass „die KI“ ja so oder so kommen würde, es also keinen Sinn ergeben würde, diese Entwicklung zu bewerten. Wir müssten halt einen Umgang finden, sagt er. Er schiebt zwar dann noch eine tatsächliche Antwort auf meine Frage hinterher: dass es ambivalent sei. Er hebt positiv hervor, dass „die KI“ ihm viel erleichtern würde; und gleichzeitig sagt er auch, dass er um seinen Job fürchte. Aber bei mir bleibt vor allem sein erster Kommentar im Kopf. Ich fühle mich ein bisschen bloßgestellt, als wäre meine Frage nicht gut gestellt bzw. als wäre es die falsche Frage, als würde sie eine Prämisse, jene der Unaufhaltsamkeit von sogenannter KI, verkennen. Ein paar Stunden nach dem Gespräch denke ich noch über seine Antwort nach. Ich merke, ich bin der Auffassung, dass meine Frage genau die richtige ist und ich die Ablehnung der Frage nicht richtig finden kann. Ich fange an, diesen Text zu schreiben.

Jetzt muss ich an dieser Stelle fairerweise sagen, dass das ein kurzes Gespräch war und ich nicht wirklich weiß, was der Lehrende wirklich denkt. Dennoch denke ich, dass diese Situation eine größere und weitverbreitete Einstellung widerspiegelt, nämlich die Einstellung, dass die Weiterentwicklung und Weiterverbreitung der sogenannten KI unaufhaltsam sei. Ich nenne das im Weiteren den KI-Vormarsch-Standpunkt. Dieser umfasst sowohl die technische Verbesserung der sogenannten KI, sowie die Weiterentwicklung, und die Integration der sogenannten KI in immer mehr Lebensbereiche, also die Weiterverbreitung.

Dass der Begriff KI eigentlich immer etwas am­bi­gu­os ist, gehört meiner Meinung nach dazu, was diesen Standpunkt ausmacht. Die Ambiguität ist neben einer Euphorisierung und einer Anthropomorphisierung Teil einer oft angebrachten und validen Kritik an dem Begriff „KI“. Ich denke, die Anthropomorphisierung und Euphorisierung sind in diesem Fall jedoch nicht so relevant. Also zur Ambiguität: Diese bedeutet, dass es eigentlich gar nicht so klar ist, was eigentlich eine oder die KI ist. Und das passt gut, denn der KI-Vormarsch-Standpunkt sagt nicht voraus, dass eine bestimmte Form der KI, also z. B. dass LLMs diese KI sind und dass exakt diese LLMs unaufhaltsam sind und uns allen die Jobs wegnehmen werden. Es wird keine bestimmte Zukunft vorhergesagt, es wird eine Richtung vorhergesagt.

Ich denke, viele würden den KI-Vormarsch-Standpunkt als eine berechtigte und zutreffende Prognose bezeichnen und ihn damit verteidigen, dass die aktuellen Entwicklungen und bestehenden Machtverhältnisse dafür sprechen würden. Und es stimmt, die Ausgaben im Sinne von Geld und weiteren Ressourcen in diesem Bereich sind rekordhaft – komplett absurd eigentlich, wie hoch die wirklich sind. Und auch die technischen Fähigkeiten und der breite Einsatz von KI sind nicht von der Hand zu weisen. Ob es der volle Rewrite von Bun in Rust durch eine KI von Anthropic¹ ist oder dass OpenAI vor wenigen Wochen die Lösung der Navier-Stokes-Gleichungen für sich reklamiert hat². In beiden Fällen gibt es berechtigte Kritik und Einwände, aber es ist dennoch nicht von der Hand zu weisen, dass die Entwicklungen beeindruckend sind. Es ist immer leicht, die Dinge hervorzuheben, die noch nicht perfekt sind.

Und trotz dieser überzeugenden Argumente habe ich da so einen Verdacht. Und zwar, dass diese Argumente oft, keineswegs immer, aber oft, eigentlich eher eine Rationalisierung von einem Glauben sind statt eine die tatsächlichen Argumente eines Wissens oder einer Vorhersage die unfehlbar sei. Stattdessen, so mein Verdacht, ist es eben ein Glaube. Und zwar der Glauben an ein Narrativ. An das Narrativ. Das Narrativ des KI-Vormarsch-Standpunkts. Wenn ich Nachrichten höre, höre ich kaum die Frage, ob die KI auszuhalten ist oder nicht. Sowohl im praktischen als auch normativen Sinne. Stattdessen höre ich Fragen, danach, was es bedeutet, dass die KI kommt, die Frage, wie schnell die KI kommt, oder die Frage des Umgangs damit. Es ist einfach als Prämisse gesetzt, dass die KI kommt. Ein Glauben der als Wissen verpackt wird, aber dann eigentlich nichts anders ist als ein Glauben. Keine Vorhersage. Denn eine Vorhersage könnte falsch liegen, aber das wird nicht mal als Option angenommen.

Und besonders im Kontext von menschlichem Handeln, ein Kontext, in dem der KI-Vormarsch-Standpunkt explizit verankert ist. Beim Klimawandel so in etwa, sagen die Klimaforscher nicht voraus, dass wir die 3-Grad-Grenze überschreiten werden, sondern sie sagen es voraus im Kontext von verschiedenen Handlungsmöglichkeiten, sie benennen explizit unsere Handlungsspielräume und die Folgen dieser, einschließlich der Unsicherheitsfaktoren dieser Prognosen. Natürlich gibt es dann noch diese Kipppunkte beim Klimawandel, aber das sind dann Punkte, nach denen wir Menschen explizit keine Handhabung mehr haben und wir den physikalischen Prozessen unserer Erde dann voll und ganz ausgeliefert sind. Bei dem KI-Vormarsch-Standpunkt bzw. dessen Vorhersage geht es einfach durch die Natur der Art vom Vorhersage um menschliche Entscheidungen und nicht um konkrete „abgeschlossene“ Prozesse. Die Entwicklung von Prozessen, die Menschen, besonders viele Menschen, inkludieren, sind notorisch schlecht vorherzusagen. Eine Vorhersage in so einer Sache, seien die Argumente noch so stark, wie einen Glaubenssatz zu behandeln, befremdet mich deutlich.

Oft kommt es mir so vor, als würden wir die noch kommende Entwicklung von KI so behandeln, als wäre sie schon passiert. Also, als wäre sie in der Vergangenheit. Dinge, die schon passiert sind, lassen sich bekanntlich nicht mehr ändern. Und klar, wenn man diese noch kommenden Entwicklungen als Prämisse betrachtet, die nicht anders kommen kann, als Prämisse auf der andere Dinge bloß aufbauen können, so passt das gut; es gibt dann eigentlich keinen Unterschied zur echten Vergangenheit.

Die ganzen bereits sehr konkreten und messbaren Folgen von der Entwicklung von KI, die schon sind, sowie jene, die noch kommen werden, werden kaum benannt; Datenzweckentfremdung, Zerstörung von Ökosystemen, Ressourcenraub und -verbrauch; mal ganz abgesehen von den tollen „tollen Anwendungen“ von KI: Krieg, Massenüberwachung oder AI Slop um ein paar Beispiele zu nennen. Und auch noch komplett unbekannte Gefahren, wie jene durch das AI Alignment Problem, werden nur angegangen unter der Prämisse und mit der Einstellung, dass die KI Entwicklung und die Geschwindigkeit der KI Entwicklung nicht aufzuhalten sei. Als wären all diese Probleme und Gefahren nicht die Konsequenzen von aktuellen Entscheidungen; Entscheidungen die jetzt gerade relevant sein sollten; Entscheidungen die jetzt gerade und in der Zukunft getroffen werden. Als wären sie eben schon passiert.

Aber es ergibt Sinn, dass dem so ist; denn wenn man all diese Dinge benennen würde und korrekterweise den Zusammenhang herstellt, so würde man erkennen müssen, dass die „KI“ vielleicht eben doch noch nicht passiert ist; wir ihren Vormarsch, wie er aktuell vorangetrieben wird, kritisieren können und müssen. Und dass wir ihn auch noch stoppen können. Und ganz vielleicht sogar stoppen sollten.

P.S. Ich schreibe diese Zeilen, während auf meinem Zu-Lesen-Stapel „Hoffnung in der Dunkelheit“ von Rebecca Solnit liegt. Obwohl ich das Buch noch nicht gelesen habe, muss ich Solnit hier erwähnen. Ich habe ihren Exkurs zur „Hoffnung in der Dunkelheit“ in „Wenn Männer mir die Welt erklären“ vor kurzem wahrgenommen, sie hat mich zusätzlich bestätigt und mir nochmal neue Worte gegeben, so auf die Zukunft und Vergangenheit zu blicken, wie ich es hier tue.

1: Sumner, J. (2026, 8. Juli). Rewriting Bun in rust. Bun. https://bun.com/blog/bun-in-rust

2: Howlett, J. (2026, 22. September). Did OpenAI solve the wrong Navier-Stokes problem? Scientific American. https://www.scientificamerican.com/article/did-openai-solve-the-wrong-navier-stokes-problem/